Sommertour der JHA-Vorsitzenden durch den Bezirk

Die Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses Tempelhof-Schöneberg, Marijke Höppner, hat zwischen dem 7. August und 10. September 2012 rund 40 Einrichtungen des Jugendamtes und von freien Trägern, die durch das Jugendamt gefördert werden, besucht. Dabei hat sie Gespräche in allen sieben Regionen des Jugendamtes geführt. Teilweise wurde sie von Jugendstadtrat Oliver Schworck begleitet. Wir haben mit Frau Höppner über ihre Eindrücke, Erkenntnisse und Schlussfolgerungen, die aus der Tour zu ziehen sind, gesprochen.

KiTS: Frau Höppner, Sie kennen jetzt vermutlich die Angebote des Jugendamtes im Bezirk besser als viele andere. Lassen Sie uns gleich zu Beginn über Ihr Fazit sprechen. Ist das Jugendamt Tempelhof-Schöneberg in den sieben Regionen gut aufgestellt?

Höppner: Das Jugendamt und vor allem koordinierend die Regionalleitungen leisten Unglaubliches. Ich muss sagen, dass durch Vernetzung und gezielte Setzung von bedarfsorientierten Angeboten für die Regionen viel geleistet wird. Die Arbeit vor Ort steht deutlich sichtbar in einem Gesamtkonzept und ist sehr durchdacht.

Natürlich wäre ich dumm, wenn ich sagen würde, dass das vor Ort reicht. Ich konnte Bedarfe erkennen, die bisher noch nicht abgedeckt sind und das liegt nicht am Willen oder der kreativen Ausgestaltung in der Region, sondern an den finanziellen Möglichkeiten.

KiTS: Bevor wir über die einzelnen Regionen sprechen, die Frage danach, ob es an irgendeiner Stelle dringenden Handlungsbedarf gibt, um eine Verbesserung herbeizuführen?

Höppner: Es gibt überall  Handlungsbedarfe. Dazu gehören zum Beispiel in den kommunalen Jugendfreizeiteinrichtungen Renovierungsarbeiten, Anpassung an die Brandschutzbestimmungen usw. Ein großes Thema war jedoch die Frage nach der Verantwortung von Wohnbaugesellschaften gegenüber ihren Kiezen. Dabei sind weniger die städtischen Wohnbaugesellschaften das Problem, sondern die kommerziellen. Räume, die für soziale Arbeit kostenfrei zur Verfügung standen, werden immer häufiger gekündigt, um sie für kommerzielle Zwecke zu nutzen. Das hat eklatante Folgen. Die Sorge vor Kündigung ist zurzeit im Süden des Bezirks ein großes Thema.

KiTS: Haben Sie in der zweifelsohne vorhandenen Angebotsvielfalt irgendetwas vermisst. Fehlt sozusagen ein Angebot, das wichtig wäre zu machen?

Höppner: Ja. In den flächenmäßig großen Regionen im südlichen Bezirk fehlt soziale Infrastruktur. Besonders für Kinder und Jugendliche fehlen Angebote. Damit meine ich nicht, dass die bestehenden Jugendfreizeiteinrichtungen nicht ausreichend Angebote machen, sondern vielmehr, dass Jugendliche eine große Verankerung in ihren Kiezen haben, nicht so mobil sind wie Erwachsene und größere Entfernungen seltener zurücklegen. Dabei übernehmen die Jugendfreizeiteinrichtungen eine wichtige Rolle. Häufig sind die Angebote eben mehr als Billiarde spielen und Tischtennis. Für viele Jugendliche werden die Freizeiteinrichtungen zu einem zweiten zu Hause. Neben der Hausaufgabenunterstützung, helfen die Sozialpädagogen und –pädagoginnen bei  allgemeinen Lebensproblemen oder Problemen zu Hause. In vielen Fällen können so schwierige Situationen für die Jugendlichen abgewandt werden. Daher ist es so wichtig, dass Netz eng zu stricken, um viele Jugendliche zu erreichen und so Präventionsarbeit zu leisten.

KiTS: 2002 hat das Jugendamt Tempelhof-Schöneberg als erstes in Berlin beschlossen, sich nach den Prinzipien der Sozialraumorientierung neu zu strukturieren. Inzwischen haben sich dem alle Bezirke angeschlossen. Kritiker sagen, dass durch die Aufgliederung des Jugendamtes in Sozialräume das Jugendamt als Ganzes nicht mehr erkennbar ist. Können Sie diesen Eindruck nach Ihrer Tour bestätigen?

Höppner: Ich halte die Sozialraumorientierung für sehr sinnvoll. Die Tour hat bestätigt, wie wichtig die regionale Vernetzung und räumlich gedachte Förderung einzelner Bereiche ist. Ich habe in drei Regionen an Netzwerktreffen teilgenommen und festgestellt, wie solidarisch die Arbeit vor Ort ist. Die zum Teil durch das Jugendamt initiierten Netzwerke arbeiten sehr lösungsorientiert und auch präventiv.

KiTS: In jeder Region gibt es die Arbeitsgemeinschaften nach § 78 SGB VIII (Sozialgesetzbuch – Kinder- und Jugendhilfe). Der Paragraph lautet: „Die Träger der öffentlichen Jugendhilfe sollen die Bildung von Arbeitsgemeinschaften anstreben, in denen neben ihnen die anerkannten Träger der freien Jugendhilfe sowie die Träger geförderter Maßnahmen vertreten sind. In den Arbeitsgemeinschaften soll darauf hingewirkt werden, dass die geplanten Maßnahmen aufeinander abgestimmt werden und sich gegenseitig ergänzen.“

Haben Sie den Eindruck gewonnen, dass diese AGs in den sieben Regionen sozusagen im Sinne des Gesetzes funktionieren?

Höppner: Ja, den Eindruck konnte ich gewinnen. Nicht nur die Mitarbeitenden des Jugendamtes, sondern auch viele Träger, die ich besucht habe, haben der RAG einen hohen Stellenwert beigemessen.

KiTS: Der Paragraph 78 wird in den Regionen angewandt, es gibt aber keine Bezirks AG, in der sich alle, die im Bezirk tätig sind, treffen. Ist es nicht ein Manko, dass beispielsweise eine Jugendfreizeiteinrichtung in Lichtenrade wenig über die in Schöneberg Nord weiß, weil sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selten begegnen und austauschen können?

Höppner: Es ist schon so, dass es Leitungsrunden zu verschiedenen Themen gibt. Dazu gehören die Regionalleitungstreffen, aber auch die Arbeit in den Fachgruppen wie zur Arbeit mit Mädchen, Jugendarbeit, Kinderschutz, usw. Ich denke, dass so die wichtigen Themen abgedeckt sind und ein Austausch stattfinden kann.

KiTS: Sie haben auf Ihrer Tour Einrichtungen besucht, die das Jugendamt selbst betreibt und Einrichtungen, die das Jugendamt an freie Träger übertragen hat. Sind da Unterschiede erkennbar, oder kann man sagen, Jugendfreizeiteinrichtung ist Jugendfreizeiteinrichtung, egal in welcher Trägerschaft?

Höppner: In der Qualität der Arbeit konnte ich keine Unterschiede entdecken. Deutlich wird der Unterschied häufig bei der baulichen Unterhaltung der Gebäude. Die freien Träger scheinen schneller in der Lage zu sein bauliche Mängel zu beheben, als das Bezirksamt.

KiTS: Von vormals 18 Kinder- und Jugendeinrichtungen des Jugendamtes sind im Laufe der letzten Jahre acht an freie Träger übertragen worden. Auslöser waren letztlich immer altersbedingte Personalabgänge. Die wird es in den nächsten Jahren auch weiterhin geben. Was ist Ihre Position: in diesen Fällen die Einrichtungen an freie Träger abzugeben, oder neues (eigenes) Personal einzustellen?

Höppner: Unsere kommunalen Einrichtungen sind ein wichtiger Bestandteil der Jugendarbeit und drücken auch direkt die Verantwortung aus, die wir gegenüber den Jugendlichen haben. Sofern es möglich ist, möchte ich die bisherigen Jugendfreizeiteinrichtungen in kommunaler Hand behalten. Wenn die Mitarbeitenden in den Ruhestand gehen, dann mit neuem Personal.

KiTS: Es gibt Bezirke, die haben alle eigenen Einrichtungen an freie Träger abgegeben. Und es gibt einige, die sagen, es sei nicht die Aufgabe des Jugendamtes, eigene Einrichtungen zu unterhalten, alle sollten von freien Trägern betrieben und vom Jugendamt finanziell gefördert werden. Wofür sind Sie – für die Mischung von kommunalen und Einrichtungen freier Träger oder Übergabe aller Einrichtungen an freie Träger?

Höppner: Wir haben in Tempelhof-Schöneberg eine Mischung aus kommunalen Einrichtungen und freien Trägern. Die Freien Träger, die ich auf der Sommertour besucht habe, leisten sehr gute Arbeit. Aber auch die kommunalen Einrichtungen sind wichtige Stützen der bezirklichen Jugendarbeit, die meiner Meinung nach erhalten werden sollten.

KiTS: Zeichnen wir zum Schluss unseres Gesprächs Ihre Tour durch den Bezirk nach. Sagen Sie uns etwas über Ihre Eindrücke in den Regionen, Positives wie Negatives, fangen wir im Norden an:

Höppner: Das ist ganz schön schwierig, da ich trotz der umfassenden Tour natürlich nicht alle Einrichtungen einer Region sehen konnte, aber ich versuch mal jeweils einen Punkt hervorzuheben.

Schöneberg Nord ist ein sehr eng bewohntes Gebiet mit einer großen Trägervielfalt. Durch die geschaffenen Netzwerke konnte sehr viel für den Kiez erreicht werden. Während der Sommertour besuchte ich die Kiezoase in der Barbarossastraße, den Nachbarschaftstreff in der Neuen Steinmetzstraße sowie den Schwerpunktträger Jugendwohnen im Kiez sowie drei Jugendfreizeiteinrichtungen, die Villa, den Juxirkus und den PallasT. Besonders im Quartiersmanagmentgebiet machen sich kleine Veränderungen schnell bemerkbar. Für die Arbeit vor Ort, auch mit den Jugendlichen, ist die Schließung der Gertrud-Kollmar-Bibliothek kritisch.

In Schöneberg Süd besuchte ich diverse Einrichtungen von Täks e.V., darunter Kitas, die Jugendeinrichtung Haiways und die Kiezgärten, außerdem die Schulstation in der Teltowschule, das Kinderhaus Flipper und die Jugendfreizeiteinrichtung  Lassenpark und den Schwerpunktträger VbU. Ähnlich wie im Schöneberger Norden leben hier viele Menschen auf engem Raum. Ich konnte deutlich erkennen, dass es ein großes Interesse der Menschen gibt, sich in ihrem Kiez zu engagieren. Wichtig ist es hier Konstanten zu halten. Das betrifft auch die Schulentwicklungsplanung inklusive der Gestaltung der Einzugsgebiete.

Friedenau wird häufig als Gegend der Besserverdienenden dargestellt, dabei ist auch diese Region sehr divers. Hier konnte ich das Nachbarschaftsheim Schöneberg mit der Jugendfreizeiteinrichtung Menzeldorf besuchen sowie das durch das Bezirksamt initiierte Bildungsnetzwerk rund um die Gemeinschaftsschule Schöneberg, die Jugendfreizeiteinrichtung Burg und den Schwerpunktträger Hugo e.V. Das Bildungsnetzwerk ist ein gutes Beispiel für Vernetzung vor Ort und dessen positive Auswirkungen. Sehr spannend fand ich auch das Projekt „Qualitätsdialog“, das Hugo e.V. unter dem Dach der AWO durchführt. Dort geht es darum Hilfen zur Erziehung nicht nur quantitativ, sondern auch mal qualitativ zu denken. Auffällig ist jedoch der hohe Anteil von Fällen häuslicher Gewalt im Rahmen von Kinderschutzfällen.

Tempelhof ist eine sowohl einwohnerstarke, als auch räumlich große Region. Zudem ist es ein Zuzugsgebiet. Ich konnte das Nachbarschafts- und Selbsthilfezentrum in der ufaFabrik NUSZ besuchen mit dem Kinderbauernhof und der Kita MaRiS. Außerdem den Lindenhof mit dem dort angesiedelten Netzwerk, der Kita und den Horteinrichtungen sowie dem Jugendclub. Besucht habe ich auch die Jugendfreizeiteinrichtungen Boseclub und Jugi Hessenring. Da der Schwerpunkt im Lindenhof lag, ist es wichtig, noch mal auf die geschlossene Struktur des Lindenhof zu verweisen. Dadurch, dass alle Einrichtungen an einem Strang ziehen, wird solidarisch und gemeinsam viel erreicht. Der Verlust nur einer der Einrichtungen vor Ort wäre eine schwere Belastung für den Lindenhof. Daher ist es wichtig auch bei den Zuschnitten der Schuleinzugsgebiete  darauf zu achten, dass die Schule Bestand hat.

Mariendorf ist eine sehr große Region, enger Wohnraum, Einfamilienhäuser und Grünflächen wechseln sich hier ab. Die räumliche Weite macht es Jugendlichen jedoch schwer Jugendfreizeiteinrichtungen zu erreichen. Hinzukommt, dass es trotz der hohen Anzahl von Menschen mit Migrationsbiografien (ähnlich wie im Schöneberger Norden), die hier leben, kaum passende Ansprachen gibt. Migrantenselbstorganisationen (MSOs) lassen sich hier kaum nieder. Das Integrationsfest im Bungalow und der Jugendmigrationsdienst der Diakonie stellen einen wichtigen Bestandteil der interkulturellen Öffnung der Region dar. Außerdem traf ich die Straßensozialarbeiter von Outreach, besuchte weitere Standorte im Kokuma wie das Cafe Atempause und die Jugendmanufaktur sowie die Rudolf-Hildebrandt-Schule und die Jugendfreizeiteinrichtung KiJum. Ähnlich wie im Jugi Hessenring (Tempelhof) spielt im KiJum die Frage Brandschutz eine Rolle. Eine Feuertreppe kann aus bezirklichen Mitteln zurzeit nicht gebaut werden und schränkt das Angebot massiv ein.

Marienfelde bietet Einfamilienhäuser und Hochhaussiedlungen. Rund um die Waldsassenerstraße befindet sich ein kleineres Quartiersmanagementgebiet namens W40. Eine weitere Besonderheit stellt die vom Internationalen Bund betriebene Aufnahmestelle für Flüchtlinge dar. Dort sind mittlerweile fast 600 Flüchtlinge untergebracht. Die Hälfte der Bewohnenden der Flüchtlingsstätte sind unter 18 Jahre alt. Vor Ort besuchte ich die Jugendfreizeiteinrichtung House of Fun mit dem Abenteuerspielplatz, die Bewerber-Kita für das Familienzentrum 4-Jahreszeiten, den Familientreff des AHB in der Waldsassenerstraße sowie die Anlaufstellen stationärer Hilfe „Elternaktivierendes Projekt“ von JaKuS und teilstationärer Hilfe „Tagesgruppe auf dem Bauernhof“ vom Tannenhof. Eine weitere Zusammenkunft fand mit den Mitarbeitern des W40 und dem Internationalen Bund statt. Marienfelde ist eine flächenmäßig große Region mit insgesamt zwei Jugendfreizeiteinrichtungen sowie den Angeboten für Kinder im Familientreff. Ein Nachbarschaftszentrum mit Ansprache für Eltern vor Ort fehlt auch. Diese ist auch deshalb wichtig, da die Beratungsbedarfe vor Ort hoch sind, besonders im Bereich häusliche Gewalt (ca. ein Drittel der Kinderschutzfälle in diesem Jahr beziehen sich auf Vorfälle häuslicher Gewalt).

Lichtenrade wird häufig in einem Atemzug mit Lichterfelde genannt. Vor allem um zu verdeutlichen, dass die Region gesättigt sei. Dabei gibt es auch hier engen Wohnbau wie im Nahariya-Kiez und der John-Locke-Siedlung. Während der Nahariya-Kiez „jung“ ist, viele Menschen aus der Innenstadt zuziehen, leben in der John-Locke-Siedlung eher ältere Menschen. Beide Kieze wandeln sich stetig. Besonders im Nahariya-Kiez zeigt sich die Straßensozialarbeit als sehr erfolgreiches Modell, durch das viele Jugendliche erreicht werden können. Fraglich bleibt jedoch, ob diese vor Ort erhalten bleiben kann, da die zuständige Wohnbaugesellschaft zukünftig Gewerbemieten verlangt. Weiterhin besucht habe ich den Standort für Suchtrehabilitation und die Tagesgruppe in der „Alten Feuerwache“ (beides Tannenhof), sowie die Jugendfreizeiteinrichtungen Lortzingclub, Jugendcafe am Dorfteich, Kinder- und Jugendhaus der evangelischen Kirche und den Kinder- und Jugendclub in der Barnetstraße. Außerdem besuchte ich das Nachbarschafts- und Familienzentrum  in der Finchleystraße.

KiTS: Welche Auswirkungen wird Ihre Tour für Ihre weitere Arbeit im Jugendhilfeausschuss haben?

Höppner: Die Sommertour hat mir einen sehr guten Eindruck über die Arbeit der Regionen gegeben. Es ist ein Gesamtbild, das ich nun vor Augen hab, wenn eine Einzelentscheidung zu fällen ist. Es lässt mich stärker erkennen, wo Bedarfe sind und gegebenenfalls nachjustiert werden muss. Im Jugendhilfeausschuss möchte ich mir das zu Nutze machen. Es ist nie nur eine Einrichtung oder ein Standort betroffen, sondern immer ein ganzes aufeinander aufbauendes Konstrukt. Das gilt auch interdisziplinär. Wenn eine Bibliothek geschlossen wird, kann das Auswirkungen auf das Leseverhalten der Zielgruppe einer Jugendfreizeiteinrichtung haben. Ich werde darauf achten, dass wir das zukünftig im Ausschuss mitdenken.

KiTS: Wir danken für das Gespräch.

Mit Marijke Höppner sprach Ed Koch